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Sybille Hotz - Mit Nadel und Faden unter die Haut
von Rita E. Täuber
Es ist die Spur des Fadens, die den Bildern und Objekten von Sybille
Hotz sinnstiftende Form und Gestalt verleiht. Aus früheren
textilen Arbeiten
emanzipiert, erscheinen die überwiegend mit der Hand geschaffenen
Nähte nicht mehr nur als Notbehelf und technische Verbindung
textiler Stoffe,
sondern als das wichtigste bildnerische Gestaltungselement. Hier
erfolgt der Strich durch den Stich. Mehr der Zeichnung als der Malerei
verwandt,
bestimmt die wollene lineare Spur in der großzügigen Allianz von Stoff und Faden die Dramaturgie des Bildes.
Die Motive dieser „Nadelzeichnungen“ entnimmt Sybille Hotz
den schematisierten versachlichten Darstellungen von Bildanleitungen in
Lexikas und
lebenspraktischer Ratgeberliteratur. So zeigen zwei der zwischen 2002
und 2005 entstandenen Stickbilderserien Sofortmaßnahmen und
Handgriffe
wie man sie in eintretenden Not- und auch Kriegsfällen
situationsgerecht an Verletzten anwenden sollte. Mit der
Übertragung in ein meist sehr viel
größeres Format erhalten die aus dem Alltag vertrauten
Handlungsanweisungen jedoch eine eigentümliche Umwertung. Denn was
in den zuvor nüchternen
Schautafeln dem Bewahren eines „kühlen Kopfes“
geschuldet und damit ausgeblendet war, kehrt nun mit Macht ins Bild
zurück. Bedrohlich und
beklemmend schreiben sich Schmerz, Gewalt und Verwundung in die
farbreduzierte und schnörkellose Klarheit des Bildaufbaus ein und
transformieren
so militärische Rettungsaktionen in beängstigende Gewaltakte.
Insbesondere die unterschiedlich langen unvernähten
„hilflos“ herabhängenden Fadenenden,
mit denen Sybille Hotz zugleich auch unverhohlen ihre Arbeitsweise
offen legt, tragen der Atmosphäre dieser Ausnahmesituationen
Rechnung.
Einen vergleichbar ins Tragische gerichteten Bedeutungswechsel erfahren
auch die um 180 Grad gedrehten Torhüter, Basketballer und
Handballspieler aus
der Serie fall. Vereinzelt und aus dem textilen Zusammenhang in ihrem
typischen Bewegungsablauf herausgeschnitten, formulieren diese
installativ an die
Wand gehefteten Figuren ein Bild des Scheiterns. Gestürzten Engeln
gleich scheinen sie dem schicksalshaften Sog der Schwerkraft nichts
mehr entgegen
setzen zu können.
Mit jeder neuen Serie aber gestaltet sich die Sticktechnik
aufwändiger. Zunehmend verdichten sich die Linien zu summerischen
Texturen in der der sorgsam
parallel und dicht geführte Lauf des Fadens die Figur ebenso zu
kleiden wie zu entblößen vermag. Letzteres buchstäblich
dann, wenn der Faden zur Faser
wird und der besondere ernste Ausdruck eines Gesichts im ornamentalen Muster seines Muskelaufbaus frei gelegt erscheint. [face]
In den jüngst entstandenen Arbeiten vollzieht sich ein weiterer
Schritt: In der mehrteiligen Rauminstallation to hide and vanish
beschäftigt Sybille Hotz das
ambivalente Verhältnis von Mensch und Natur. Drei freistehende
paravantähnliche Rahmenelemente bestückt mit
äußerst reduziert angedeuteten Wald- und
Graslandschaften erscheinen als begehbarer Ort mysteriös
anmutender Bildergeschichten. Denn was entspannt, verträumt
und geradezu idyllisch daher
kommt, verkehrt sich bei näherer Betrachtung unversehens in sein
Gegenteil. So liest sich das Szenario eines aus dem Gewirk der
Blätter herauslugenden
Unterkörpers in der Nähe eines verlassenen Campingwagens wie
der Ort eines Gewaltverbrechens und eine heranrobbende Gestalt in
Tarnkleidung sucht im
Unterholz offensichtlich mehr Deckung als Erholung und Ruhe. Aber auch
an anderer Stelle lauert Gefahr. Pittoresk gestickte Giftpflanzen
– Goldregen und
Fingerhut – flankieren unheilvoll die abgeschiedene Idylle. Sind
dann noch am Boden bestickte ausgestopfte Körperobjekte platziert,
erscheinen die Trugbilder
eines friedvollen harmonischen Einsseins mit der Natur vollends in ihrem latenten Grauen entlarvt.
Derart düsteren Bedeutungsverlagerungen scheint sich die
letztentstandene Serie vanishing jedoch zu verschließen.
Zwar schöpft Sybille Hotz aus
Schaubeispielen des Erste-Hilfe-Handbuchs, aber die Liegende in
„stabiler Seitenlage“ wirkt hier weit mehr träumend
und schlafend als ohne Bewusstsein.
Ebenso verändert ist auch die Arbeitsweise: Bleiben die linear
skizzierten Gesichter anonym, so erfährt der Körper eine nun
weitaus detailliertere Behandlung
und dazu ein plastisches Volumen, das in seiner sinnlichen Haptik
eigentümlich realistisch anmutet. Besonders augenfällig
ist die sonderbare Musterung der
Kleidung. Was aber vordergründig einem modischen Trend
zuzuschreiben wäre, ist letztlich nüchternen medizinischen
Graphiken entlehnt.
Zellgewebe, kranke Venen oder Pupillenweitungen von Komapatienten
tragen somit dazu bei, aus einem ursprünglich verletzten wieder
einen intakten, wenn
nicht gar begehrenswerten Körper werden zu lassen.
In der künstlerischen Arbeit von Sybille Hotz wird der
Verlust, das Verlorengegangene und Ausgeblendete zum
schöpferischen Gestaltungspotential.
Nadel und Faden arbeiten sich aus einer unterkühlten seelenlosen
Sachlichkeit an die Oberfläche und setzen in zeichnerischer
Prägnanz wieder genau
jene dramatischen, tragischen und schmerzhaften Momente ins Bild, die das Leben nicht selten bereit hält.
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