Aus: Das Glueck zu Sehen  - Kunst beginnt dort, wo der Geschmack aufhoert;
       Jean-Christope Ammann, Statement-Reihe, 1997, S.279


Das intime Wahrnehmungsfeld der Susa Templin

"Schwer, sich an sich selbst zu gewöhnen.
Schwer, sich sich selbst abzugewohnen.
Wer es tut, wird dennoch nie verlassen sein.
Wer es tut, wird dennoch immer solidarisch bleiben.
Das Unpraktische ist auf die Dauer das einzig Praktische."
Ekelöf
 
Das äussere Wahrnehmungsfeld hat 1969 Giulio Paolini abgesteckt. Mit Bleistiftpunkten suchte er es ab: Die Augen
starr auf einen Fixpunkt gerichtet, ertastete er die Grenzbereiche. Entsprechend war die Mittelzone von Bleistiftpunkten
dicht gestreut, wogegen sie sich in den Randbereichen, rechts und links, unten und oben, bis zur Vereinzelung verdünnten.
Das Werk bezeichnete er mit Vedo (la decifrazione del mio campo visivo).

 
Jeder kann dieses Spiel betreiben, so wie es auch Susa Templin (*1965) mit ihrem Wahrnehmungsfeld getan hat. In einer
Ausstellung 1996 im "Ausstellungsraum Hübner" in Frankfurt sah die Wand, an der sie unzählige Farbfotos angetackert hatte,
wie ein Blickfeld aus: Große und kleine Fotos bis zum Polaroid umrissen in unregelmässigen Abständen einen Umkreis von
perspektivischer Ausdehnung.


Das intime Wahrnehmungsfeld meint das Innewerden im Innehalten der täglichen, stündlichen Umgebung in Verbindung mit
den eigenen ritualisierten Handlungsmustern. Jeder kennt diese Abläufe, wenn er nicht weiss, was er gerade zu tun hat.

Er tut dann Dinge, die er nicht wirklich bewusst wahrnimmt. lch denke, dass sich diese Blickpunkte zwischen Mann und Frau
beträchtlich unterscheiden.
Es sind quasi unbewusste Zwischenräume, Momente dazwischen, dort, wo unsere Umtriebigkeit
und Unruhe in ritualisierten Gebärden und Handlungen des Nichtwissens einen zugleich diffusen und zielgerichteten Aktionsradius
beschreiben.

Damit beschaftigt sich Susa Templin als Frau, hier in dieser Arbeit. Sie beobachtet sich in ihrer Wohnung gewissermaßen aus
dem eigenen Blickwinkel, das Peripherische ins Auge fassend. Gerade dadurch erhalten die Fotos eine Qualität,
die Trash mit
Poesie verbindet: Socken, Zähneputzen, Kleider, Schuhe, die Haut, der Flaum, die Füsse, die greifenden Zehen, der leere Blick,
die Scham, der wie ein Eiszapfen glitzernde Pisstrahl, die Leitungen in der Küche. Nur spärlich geht der Blick aus dem Fenster.

Der tägliche Bedarf, die täglichen Handlungen werden locker (unangestrengt) in den Fallgruben der Plötzlichkeit festgehalten.
Hinzu kommen die Farben. Die Farben qualifizieren die Sicht, intonieren die Gegenstände, machen das Foto zum autonomen Ereignis.
Hier spielt der Zufall mit, schafft Stimmung für Nachbarschaften, die jedoch nie in ein ästhetisches Beziehungsmuster abgleiten.

Susa Templin arbeitet sehr direkt mit Inhalten, mit Begebenheiten und Emotionen, sie entlässt nichts aus ihrer Selbstbeobachtung,
welche die Umgebung mit einschließt.
Eine Beobachtung, die nie narzistisch wirkt, weil sie stets fluktuierende, intermittierende Momente
festhält, weil diese Beobachtung eher sich selbst zum Anlass nimmt als sich auf
sich selbst zu konzentrieren.
Susa Templin hat ihre Arbeit als Projekt für eine Grossplakatierung in der Stadt bezeichnet. Sie hat, mit anderen Worten, das intime
Wahrnehmungsfeld auf den Stadtraum ausgeweitet.
Sie will die Intimität öffentlich machen. Denn intim sind diese Fotos bis hin zu Bildern,
die diesen Begriff auch buchstäblich verkörpern.
 

Was würde eine Großplakatierung solcher Fotos im Stadtraum bewirken? Großplakatierung meint ja nicht nur die Dichte der Streuung,
sondern auch die Verwendung der größtmöglichen Flächen.

Das Intime meint keineswegs das Erotische oder Sexuelle, aber auch nicht das Beliebige einer Geste oder einer Sichtweise. Das Intime
ergibt sich bei Susa Templin überhaupt erst aus der Gesamtheit des Wahrnehmungsfeldes, das sich weder aus besonders herausragenden
Fotos ("Highlights'") noch aus besonders "intimen'" Fotos ableitet.
Das Wahmehmungsfeld konstituiert sich vielmehr aus Fotos, die, stets
situations- und lichtbedingt, von ganz unterschiedlicher Qualität sind. Es ist eben nicht das gleiche, ob ich beim Fotografieren durch die
Kamera schaue oder sie frei mit der Hand führe. (Die frühen Fotos
von Sigmar Polke sind hierfür ein sprechendes Beispiel.)
Davon ausgehend wäre im Fall einer Großplakatierung auf ein bestimmtes Moment zu achten, das einen Wiedererkennungscharakter besitzt.
Das starkfarbige Foto, auf dem sich Susa Templin die Zähne bürstet, wäre ein solches. Der Blick in den Spiegel zeigt nur ihren
halbgeschlossenen Mund, die vollen Lippen und den Stiel der roten Zahnbürste.
So oder so ähnlich sehen wir uns täglich im Spiegel, und
eben nicht so, wie es die Werbung vorgibt. In dem von blonden Haaren halbverdeckten Profil ertastet Susa Templin mit ihren

Fingern die Haarspitzen. Eine typische Geste des Überprüfens: Spalten sich die Haare? Muss ich sie schneiden? Auch diese Geste ist das
Gegenteil jener Hände, die dank des Shampoos X beschwingt das luftige, weiche Haar wiegen.

Ein Foto mit zerwühlten Bettlaken erzählt die Geschichte unseres morgendlichen Aufstehens. (Machen wir das Bett erst abends, bevor wir
schlafen gehen? Oder machen wir's überhaupt nicht?)

In der Badewanne sitzend entdeckt Susa Templin plötzlich im konkaven Chromdeckel des Überlaufrohres auf der gegenüberliegenden Seite
ihren Oberkoerper.
Man sieht den Fuss, der aus dem Wasser ragt, und im spiegelnden Chrom, wie sie sich selbst fotografiert. Sofort denkt
man an ein in Emaille gemaltes Medaillon, das erotischer nicht sein könnte. Auch ein solches Großplakat würde Sinn machen, denn das
Wohlbefinden in der Badewanne lässt die Gedanken frei umherschweifen.
Das muss auch Frida Kahlo so
empfunden haben, als sie 1938 das Badewannenbild Was mir das Wasser gab gemalt hat.
Sie liegt in der Wanne und betrachtet ihre Fusszehen, die aus dem Wasser ragen und sich gleichzeitig ebenso wie das Überlaufrohr darin
spiegeln.
Das eigentliche Bildereignis aber spielt sich im Wasser vor ihren und unseren Augen ab: Bilder der Angst, der Sexualitaet, des
Schmerzes und des Todes.

 
Es gibt ein "mysteriöses'" Foto im Dämmerlicht, das nur die gespreizten nackten Beine der Künstlerin zeigt, mit einem Wust von Schuhen
auf dem Boden. Auch das scheint mir ein Bild
fuür eine Großplakatierung zu sein. Die Frage, welche Schuhe ich heute anziehen soll,
bestimmt ebenso die Wahl des Kleides –
gleiches gilt beim Mann für Anzug und Krawatte: Für einen kurzen, fast unbewussten Moment
muss ich mich entscheiden, welche "ldentität" ich mir am heutigen Tag zulegen will.

Es gibt ein wunderschönes Foto, auf dem Susa Templin im Bett liegend ihr nacktes aufgestelltes Bein fotografiert. Der Schenkel zeigt den
im Licht schimmernden blonden Flaum. Der Betrachter fühlt sich plötzlich an die Stelle der Fotografin versetzt:
Man nimmt etwas wahr, das
einem eigen ist und das einem doch fremd erscheint.

Ein weiteres Foto, das ich mir gut als Großbild vorstellen könnte: an einem verkrümmten Drahtbügel hängt ein Slip, der nicht weniger lädiert
aussieht als der Drahtbügel selbst.
Als hätten Bügel und Slip zu einem Stelldichein zusammengefunden, ein wenig wie Max und Moritz, Dick
und Doof oder Sancho Pansa und Don Quichotte.

So gäbe es noch manche Beispiele zu erwähnen. Wichtig erscheint mir, dass das Unerwartete solcher Grossbilder einen Resonanzraum im
Betrachter findet, nicht nur vom Inhalt,
sondern auch von der Form her, was die Sichtweise impliziert. Der Betrachter sieht sich nicht mit
Konsumwünschen konfrontiert, die er ohnehin nicht verspürt, die jedoch über die unbestrittene Intelligenz der Werbung in ihn implantiert

werden; er sieht sich vielmehr mit sich selbst konfrontiert, mit jenen Momenten, die sein tägliches Bewußtsein wie die Schattenseite des
Mondes bestimmen.

Susa Templin ist ein unsteter Mensch. Sie ist nirgends und überall zu Hause. Ihre Fühler greifen nach außen und verschanzen sich im Inneren.
Sie handelt nach der Devise der dänischen Dichterin Inger Christensen, die besagt:
,,Zur Förderung des Gemeinwohls muss angestrebt werden, dass jeder arbeitsfähige Bürger die Möglichkeit hat, zu Bedingungen zu phantasieren,
die sein Dasein erhellen."


Dies ist eine Abwandlung zum Daenischen Grundgesetz § 75, Abs. 1, das besagt: ,,Zur Foerderung des Gemeinwohls muss angestrebt werden,
dass jeder arbeitsfähige Bürger die Möglichkeit hat, zu Bedingungen zu arbeiten, die sein Dasein sichern."

Die Devise von Inger Christensen ist die schönste Definition eines Künstlers, die ich kenne, und sie trifft in dieser Nüchternheit auf Susa Templin zu.