Spaziergang am Strand No. 4

Die Zeit der großen Erzählungen, so heißt es, ist vorbei.
Ganz gleich, ob sie nun zu groß waren oder nicht groß genug.
Wenn aber die großen Erzählungen enden, betritt einer wieder
die Bühne: Der einzelne Erzähler. Indes, er bewohnt sie nicht
länger, die weiten, von mächtigen Mauern umschlossenen
Hallen seiner wort-gewaltigen Vorgänger;  vielmehr steht er in
einem offenen Raum, sagen wir, an einem Strand.

Es heißt, das Meer erzähle Geschichten. Doch man weiß nie,
welche. Unermüdlich spülen die Wellen neue Bilder, Buchstaben,
Zeichen ans Ufer, die in der Gischt verschleißen, in den Strudeln
kreisen, sich aneinander reiben, kleiner, feiner, unkenntlich
werden. In ihrem unablässigen Spiel wird der Autor zum
Spaziergänger, zum flaneur, der sie sichtet und sammelt, mit
sich trägt, doch niemals ins Museum.

Unlängst traf ich Johannes Einfalt am Strand (und der Strand
war überall). Mag sein, dass die Wellen seinen Hosensaum
nässten, mag sein, dass sie als Flut der Kathoden den
Fluoreszenzschirm tränkten, vor dem er saß. Er hatte seine
Fundstücke nicht zu einer Monade zusammengepresst, er
hatte sie nicht geordnet, verbunden, gereiht. Er hatte sie so
lose belassen, wie er sie vorgefunden hatte. Und wer dort
gewesen ist, an jenen Stränden, an jenen Meeren, die uns nun
unweigerlich umgeben, der wird wissen, dass die Dinge nur
scheinbar ihre Ordnung, ihre Narration, ihren Zusammenhang
verloren haben, dass die Wellen nur scheinbar stammeln,
stottern, rauschen – die Wellen des Äthers, des Radars, des
Meeres. Der Maler aller angeschwemmten Bilder ist – der
Betrachter selbst. Erst spazierend, promenierend, flanierend
wird er der entkoppelten Sequenzen einer Narration gewahr,
von der er staunend feststellt, dass er es ist, der sie erzählt.


Jörg Scheller




Sonnendeck