Wenn es jemand kauft, bin ich erwachsen
Nelly Knatz erweitert ihre Versuchsreihe

Pfarrer Helmut A. Müller (Leiter des Hospitalhofes, Stuttgart)

Wie bei Kindern stehen bei Nelly Knatz die Beobachtung und das Aufnehmen am Anfang. „Oft
zeichne ich erst, was um mich ist … Absurde Situationen, Ironie, die im Alltag da ist, beschäftigt
mich“. Humor ist ihr wichtig. Ihre kleinen Zeichnungen passieren die ganze Zeit. In der Regel
werden sie in komplexere Bilder integriert und wachsen dort mit weiteren Zeichnungen, Übermalungen
und gelegentlich auch Fundstücken zu einem präzise gesetzten Ganzen zusammen. Die Zeichnungen
werden auf Leinwände kaschiert und bilden eine Art oberste Haut. Immer wieder liegen Papiere übereinander.
Ausgelöschte und gerade noch durchscheinende Untergründe ergänzen sich.
Einzelbilder gelten als Zwischenschritt und Modul. Ob ihre komplex angelegten Mittel- und Großformate
Malereien sind, interessiert Knatz weniger als die souveräne Organisation der Bildräume. In diesen
Bildräumen verarbeitet sie ihre Wahrnehmung der alltäglichen Dinge und Situationen. Ehrfurcht vor der
Malerei und ihrer hehren Tradition kennt sie nicht. Leinwände bleiben Arbeitsmaterial. Die Zeichnungen
sind für sie gleichwertig. Letztere kann sie schon einmal auch als Einzelbilder auf Holzpaletten präsentieren.
Das Kleine und schwebend Leichte und das Gerät für den schweren Transport verbinden sich zur Rauminstallation.
Die Einzelzeichnung gilt als Momentaufnahme. „Zeichnen ist ein Screenshot des Kopfes in dem Moment,
wo die Hand denkt“.

Bei ihrem Aufenthalt in der Cité Internationale des Arts in Paris werden die Zeichnungen und Bilder zu
Instrumenten der „Experimente über das Verhältnis von Zeichnung im und mit dem Raum im Bezug auf das
räumliche Sehen“. Die Versuchsreihe ist Teil „eines ständig erweiternden Systems von Versuchen,
Versuchsreihen und Experimenten, die zu Videoarbeiten, Installationen oder einfach zu dem Ergebnis des
Misslingens und (der) Unverwertbarkeit führen“. „Je absurder der Versuch, umso mehr kann er scheitern oder
Neues bringen… Versuche wollen… verbessern und klären oder Situationen künstlich rekonstruieren. …
Ein Versuch ist es, wenn man dessen Ausgang nicht kennt“.

Beispielsweise hat sie in der Versuchsreihe „Immobilien“ eine Atelieraufnahme dokumentiert, auf der sich die
vier Wortzeichnungen ‚Paris 2007’, ‚Raum’, ‚Wohnen’ und ‚Zelt’ finden. Dazu kommt die Fotografie eines Zeltes,
das vor den Läden einer Pariser Einkaufsstraße auf dem Gehweg aufgeschlagen ist. Es dient als Übernachtungsort.
Die in Großbuchstaben auf der Vorderseite des Zelts gesetzten Worte und Wortfetzen konkurrieren mit
Werbesprüchen. Auf einer zweiten Aufnahme aus dem Pariser Atelier ist ein Bild zu sehen, auf dem in schwarzer
Schreibschrift links oben das Wort „wohnen“ steht. Im Bildvordergrund füllen die Großbuchstaben „PROVISORISCH“
das Bildformat aus. „Provisorisch“ wird in Schreibschrift gedoppelt. Den Bildmittelgrund bildet das Wort Zelt.
Violette Großbuchstaben setzen das Wort ins Bild. An der rechten Bildmitte wird es handschriftlich als „tente“
wiederholt. „Zelt“ und „tente“ sind mit Skizzen eines Haus und eines Igluzeltes unterlegt. Nelly Knatz lässt unter
anderem weiße Luftballons über heißen Herdplatten schweben, steckt sie bis zum Platzen ins Eisfach und bläst sie
höchstselbst unter ihren Achseln auf. Der Versuch bricht ab, als sich die Arme heben.

Vom Luftballon kommt sie zum Fliegen: Am französischen Nationalfeiertag donnern Fliegerstaffeln über die
Champs Elysées und den Eiff elturm. Die Atmosphäre dieses Ehrentages wird zum Ausgangspunkt für ein
neues Arbeitsfeld „Föhn und Flieger“: Ein Föhn wird provisorisch an einem Stativ befestigt. Angeschaltet drückt
sein Luftstrom eine Fotografie an die Wand. Darauf zu sehen: ein Düsenjäger!
Zu den Versuchsreihen zu Bild und Raum kommen Reihen, die die Verkaufsmechanismen des Kunstmarkts
thematisieren. In der Gruppenausstellung „Welcome to Paris Hilton“, Oktober 2007, in der Cité präsentierte
Nelly Knatz einen Verkaufskiosk in dem die Leinwandarbeiten zu Baumaterial wurden. Diese Installation erinnerte
an ein Kartenhaus, das jederzeit zusammenbrechen konnte. Auf ihrer Arbeit „Brot und Spiele of Happiness“
finden sich neben einem Parkverbotszeichen, das zum Zeichen für absolutes Halteverbot mutiert, eine Skizze
die einer Wegbeschreibung ähnelt. Zudem lesen wir in Edding geschrieben: „Wenn ich erst 9 wäre, würde das
in einem Jahr weggeworfen werden. Wenn es jemand kauft, bin ich erwachsen“. So funktioniert der Markt
der „Bösen Limonade“